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Sie waren stets bemüht, aber es gibt Hoffnung

Da sind wir wieder, Zeit für ein Statement. Ich plane mit einer lieben Kollegin und Freundin, mal wieder Essen zu gehen. Hier entsteht gerade eine grandiose Austauschkultur, ein echter "after-work-Schnack" mit „after-work-snack“. Da klinkt sich ein anderer guter Freund und meisterhafter Querdenker ein und leitet uns alle drei kurzerhand um zu einer mir gnadenlos undefinierten kurzfristigen Veranstaltung mit Raul Krauthausen. Raul wer? Sorry, ich wurde ja jüngst beim Picknickdeckendebakel als „zu Mainstream identifiziert“, meine intellektuell-kulturelle Reichweite ist offenbar begrenzt. Keine Ahnung wer der ist und warum Menschen ihn sehen wollen würden. Ich frage meinen Freund und alles was mir aus der Antwort hängen bleibt ist "der hat die Glasknochenkrankheit und ist total cool". Aha. Ein Handicap als Qualifikation? Ich bin mir sicher, dieser Raul würde diese Beschreibung hassen, impliziert sie doch erstens, dass "Glasknochenkrankheit haben" bereits (unabhängig von der grandios bemerkenswerten tagtäglich erhöhten Kraftanstrengung zur Überwindung menschgemachter wie naturgegebener Hindernisse!) bereits eine Leistung ist und zweitens, dass dies seine offenbar hervorstechendste Eigenschaft ist. Da aber viele Menschen ihn sehen und hören zu wollen scheinen, wittere ich Morgenluft, eine einmalig Möglichkeit für mich, mal wieder einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Auf geht´s! Klar komme ich mit, denn -wie immer tiefgründigst die eigenen Unzulänglichkeiten reflektierend, ist mir natürlich unverzüglich klar, dass ich wieder mal nicht richtig zugehört habe und hier an meiner eigenen, bislang ungenügenden, Charakterbildung arbeiten kann.

 

Da ich mich nach der Arbeit noch umziehen will (es sind tagsüber um die 30 Grad, und das sind nur die von Donald Becker morgens um 5:35 Uhr gemeldeten Außentemperaturen, die nicht die gemeinsam mit mir im unklimatisierten Elon-Musk-Gedächtnis-Tempel eingepferchten, ebenfalls hitzespendenden Kolleginnen und Kollegen, die übrigens nicht zwangsläufig deswegen alle heiß sein müssen, berücksichtigt) verabreden wir uns vor Ort, ich komme nach.Beginn ist 19:00 Uhr und Veranstaltungsort ist eine Schule, die ich schon von vielen Gelegenheiten mit meinem Großen kenne. Hier fand nämlich des Öfteren und immer Sonntags das Fußball-Kreisauswahltraining statt, die erste Stufe zur "bester Papa der Welt"-Qualifikation, wie ich immer fand. Unterm Strich hat es nur die "ich-bin-nur-der-Fahrer"- Wahrheit genährt, wie Eingeweihte wissen. Nun ja. Hier bin ich nun und finde den Ort nicht, es ist bereits 19:20 Uhr. Als ich beschließe, wieder zu fahren, da ich auch keine Lust habe, eine solche Veranstaltung als der obligatorische zu-spät-Kommer zu crashen, kriege ich eine whats-app-Nachricht mit "vorletzte Reihe, wir haben Dir einen Platz frei gehalten". Verdammt. Ok. Ich gehe dann wohl doch. Mein Freund schickt mir einen screenshot des Veranstaltungsablaufs. Darauf steht als Ort  "Forum der Sekundarschule Olpe - barrierefrei". ich mache mich erfolgreich an den Aufstieg über mehrere steile, typische Schultreppen und bin mir mittlerweile sicher, dass dies eine interessante Veranstaltung wird. Mein gehandicapter rechter Fuß, der mir angesichts des Themas "Voll normal!? Die Zukunft der Inklusion und Vielfalt (im Klassenzimmer)"  geradezu hellaufleuchtend signalisiert, dass ich heute wahrscheinlich im Forum zur Abwechslung nicht das Ende der Nahrungskette bin und mich im Übrigen allein für diesen Gedanken bitteschön zutiefst beschämt in das Loch zurückzuziehen habe, aus dem ich diese Treppen hinaufgekraxelt kam, gibt mir schmerzvolle Hinweise darauf, dass es weiter hinten eine tatsächlich barrierefreie Auffahrt gab, die nur nicht ausgeschildert war, weshalb auch fast keine Autos hier oben stehen. Vermutlich ging es nur darum, den Ehrengast hinauf zu bugsieren, denke ich und kriege immer mehr Lust auf den Abend.

 

Ich betrete den Raum, in dem circa 80 bis 100 gebannt lauschende Menschen sitzen. Vorne ist eine Bühne, auf der ein offensichtlich kleiner Mann die Menge noch viel offensichtlicher gekonnt fesselt. Meine Freunde winken mir aus der -tatsächlich- vorletzten Reihe zu. Dorthin zu kommen erscheint mir als eine lösbare Aufgabe, eine unbemerkt überbrückbare räumliche Mikrodistanz, ich konzentriere mich darauf, unsichtbar zu sein wie Drax in "Avengers-Infinity War" und sitze schließlich. Nachdem ich mit den leisestmöglichen unverbalen begleiteten Gesten meine beiden Freunde begrüßt habe, beginne ich, die Umgebung zu scannen und meinen selbst gewählten Aufenthaltsort einzuordnen. Es könnte schlimmer nicht sein und ich hätte es eigentlich wissen müssen.

 

Das letzte Jahr hat mich ja bekanntermaßen mehrfach, schmerzhaft und unvermeidlich an den durch, zugegeben attraktive, Frauenhand geschmiedeten Spiegel der Erkenntnis geführt, der mir erfolgreich und nachdrücklich die eigene Ungenügendheit offenbarte, was meinen Bedarf und den Glauben an irgendwie positiv wirkende weibliche Gesellschaft gerade - sagen wir es freundlich- massiv begrenzt.  Diese negative Grundstimmung in die eine bestimmte Richtung ist nur durch meine, in vielen Jahren gewachsene, grundsätzliche Skepsis gegenüber Lehrern  zu toppen, jene Spezies unserer Gesellschaft, die tagtäglich den kleinen Menschen sagt, wie die Welt aussieht und dann am Ende glaubt, sie selbst geschaffen zu haben. Jene Menschen, die sich entfaltende, grünspantragende Kleinstpersönlichkeiten,  streng professionell, beruflich und gegen Bezahlung, in Kategorien eintüten, benoten, bewerten , abstempeln, verformen und je nach eigenem Gutdünken und Können fördern, fordern oder ablegen. Natürlich tue ich damit den guten Lehrkräften unrecht, die, regelmäßig in der Unterzahl, mit echtem Engagement gegen das eigene Kollegium ebenso ankämpfen wie gegen überbesorgte SUV-Eltern, die doch nur wollen, dass man endlich die offensichtliche Hochbegabtheit ihres Miniterroristen anerkennt. Aber so habe ich es erlebt. Auch bei mir sollte eigentlich in der achten Klasse wegen diagnostizierter völliger Unbrauchbarkeit schulischer Schluss sein. Nach einem neutralisierendem Schulwechsel, einem reinigenden Gewitter gleichsam eines Starkregensturzbachs durch das enge Tal eingeschränkter Bildungskultur norhessischen Umlands, fand ich dann aber, ausgerechnet in der Großstadt, eine Gelegenheit, mich zu beweisen und Menschen, die an mich glaubten. Später habe ich dann mit Begeisterung und Elan des Öfteren Projekte mit und für (oftmals auch bereits abgeschriebene) Schülerinnen und Schüler initiiert und begleitet, was regelmäßig eine große innere Befriedigung mit sich brachte, denn "ich bin einer von Euch". Dabei habe ich auch ebenso intensiv helfende, schlaue und wertvolle Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr missen möchte, aber viel zu selten sehe.

 

Wo war ich? Ach ja: meine Antennen melden es eindringlich, intensiv, unverkennbar - und zu spät : Hier sitzen fast nur Lehrerinnen, damit die Inkarnation einer manifestierten 666-Schnittmenge der beiden vermeidenswertesten Gefahrenpositionen, wie Feuerquallen und Schuppenflechte im Whirlpool aus "Hot Tub - Der Whirlpool ist ´ne verdammte Zeitmaschine" , jenem zu Unrecht völlig verkannten Kultfilm mit John Cusack aus 2010. Ich bin in diesem Schulforum gerade unfassbar weit weg aus meiner Komfortzone und habe noch kein Wort von Raul wirken lassen können. Ich bin im Abwehrmodus. Ich bin angespannt, ein eingekesseltes Fluchttier und suche nach Schwachstellen und Fluchtwegen wie einst das Rödelheim Hartreim Projekt im Battle mit den Fantas. Angriff oder Flucht? Ich zögere noch, denn ich habe ja immerhin meine beiden guten Freunde neben mir, die sich offenbar bestens amüsieren. Die würden einen ziemlichen Schreck kriegen, wenn ich jetzt einen Wortbeitrag machen würde, wie ich ihn schon des Öfteren zur Provokation von Lehrkräften eingesetzt habe. Darin habe ich Übung. Ich hätte in der Tat tierisch Lust auf eine Konfrontation, denn mittlerweile soll eigentlich  eine rege Diskussion mit Podium und Zuschauern laufen, es herrscht bereits eifrige Betriebsamkeit, die eben noch gebannt lauschenden Predatoren drehen sich von Zeit zu Zeit um, um Wortbeiträge von weiter hinten sitzenden anderen intensiv ansitzenden Rudelführern zu lauschen. Tatsächlich aber haben alle Teilnehmer und Beteiligten offenbar mit ihren Beiträgen und Anmerkungen neben dem nachgegebenen Drang der von innen nach außen drängenden verbalen Artikulation gegenüber Unbekannten (ich kenne das ;) )zur Inklusion nur das Ziel, zu vermeiden, dass Kinder auf eine Förderschule oder in "eine Werkstatt" müssen. Sie beschreiben wie nebenbei die schlimmen Zustände und unzureichenden Mittel und Möglichkeiten dort. Es scheint die Resterampe der Gesellschaft zu sein, die sie da beschreiben, die es unbedingt zu vermeiden gilt. Und dann feiern sie sich, wegen der tollen Projekte, die sie ja auch tatsächlich initiiert haben um eben das zu erreichen. Ihr Anspruch und Ihr Gedanke ist gut, ihr Anliegen redlich, ihr Engagement beachtlich. Aber sie tun dabei genau das nicht, was hier entscheidend wäre: inkludieren. Auf Wortbeiträge eines engagierten Werkstattmitarbeiters warte ich vergebens; entweder ist erst gar keiner eingeladen worden oder er traut sich nach den Vorworten nicht mehr. Ein sich täglich aufopfernder Lehrer einer Förderschule ist ebenfalls nicht zu hören, gerade so als gäbe es keine. Wenn einer zugehört hat, ist er wahrscheinlich früher gegangen, ich würde es verstehen. Es feiern sich die Guten im Kampf gegen die Anderen, die Büroetage gegen die armen Schweine aus der Produktion, denen man natürlich unter die Arme greifen wird, sobald man Zeit hat. So gibt es insgesamt keine kritischen Stimmen, keinen anregenden Dialog, kein Vorwärtskommen. Stagnation im Erreichten. Einer der Protagonisten erwähnt noch, dass "leider keiner der eingeladenen Politiker gekommen ist" und lässt mich endgültig verzweifeln. Warum wohl? Nichts ist leichter, als Interessen von Interessensvertretern zu wecken, ich hätte da gleich mal ein paar Vorschläge, Freunde, aber ihr hier dreht euch im Kreis. Klar kommt da keiner, der nicht selbst betroffen oder Lehrer oder betroffener Lehrer ist. Logisch. Ich registriere einen angeregten Adrenalinspiegel bei mir und suche nach einem Moment zum Angriff. Ein Blick zu meinen Freunden - oh je, das werden die nicht toll finden. Aber ich platze gleich, manchmal muss es eben raus. Blick nach vorne - gleich könnte es passen.

 

Da meldet sich eine junge Frau genau hinter mir zu Wort. Mit hell leuchtenden Augen und fester Stimme spricht sie in das gereichte Mikrofon. Sie scheint kein bisschen aufgeregt, entweder sie macht das öfter, oder bei ihr muss auch gerade was raus. Sie erklärt dem offensichtlich irritierten Auditorium, man solle doch endlich mal aufhören, Menschen zu katalogisieren um dann gemeinsam ihre Schwächen austreiben zu wollen. Es sei doch viel wichtiger und effektiver, sich auf die individuellen Stärken zu konzentrieren und diese entsprechend zu fördern. Menschen würden schließlich lieber gelobt als kritisiert und könnten auch so besser wachsen. Sie bringt noch ein paar Beispiele und gibt dann das Mikrofon ab. Das Auditoriumsrudel entschließt sich zu verhaltenem Anstandsapplaus, ich dagegen bin hellauf begeistert, das hätte wirklich von mir sein können, nur nicht ganz so kontrolliert vielleicht. Nach ein paar kurzen Schlussworten von der Bühne wird die Veranstaltung aufgelöst. ich kann nicht anders, suche die junge Frau und bedanke  mich für Ihren Wortbeitrag. Wir wechseln ein paar nette Worte, bevor mir bei aller Begeisterung einfällt, dass sie erstens eine Frau  und zweitens vermutlich eine Lehrerin ist. Meine posttraumatische emotionale Belastungsstörung gewinnt wieder die Oberhand und ich suche das Weite. Später treffe ich sie noch einmal vor der Halle, wir verabschieden uns ein zweites Mal und ich sehe sie um die Ecke biegen. Sie ist offenbar schlau und unangepasst, das macht Hoffnung, diese Begegnung war eine Bereicherung für mich, überlege ich.

 

Meine beiden aufmerksamen Freunde kommen schließlich mit dem zurückhaltenden Interesse und dem unnachahmlichen Charme der Oppossums aus "Ice Age" aus der Deckung und in meine Richtung angedackelt. Natürlich wollen sie sofort unverhohlen wissen, wer hier jetzt wen angesprochen hat und ob ich die junge Frau gut finde. Es folgen Kommentare zu optischer und altersgemäßer Kompatibilität, worüber zwischen uns gesprochen wurde scheint dagegen nebensächlich, war ja klar. Die werden nie erwachsen. Ich fühle mich wie in der Schule. Da ich die beiden sehr mag, werde  ich werde ich sie wohl inkludieren müssen. Gott sei Dank bin ich tolerant.