· 

If you leave me now - ohne Chicago

Da sind wir wieder. Zeit für ein Statement. Endlich. Wie sich herausstellte, war es lediglich eine lustige kleine, vollkommen unasiatische und coronafreie bakterielle Infektion, die meine attraktiv-männlichen, aber geplagten Gehörgänge die letzten extra gedehnten 14 Tage so überaus  schmerzhaft außer Gefecht gesetzt hat. Und man kann einfach nicht klar denken, geschweige denn schreiben, wenn, gefühlt, zwei motivierte Hilti-Vertreter jeweils von links und rechts versuchen, mit glühenden HTS-Bohrern den Gotthardtunnelbau in Deinem Schädel nachzustellen. Puh. Jetzt wird es aber langsam scheinbar besser.

 

 

Als ich eines sonnigen Morgens aufwache, ist es kurz vor zwei. Irgendwann auf dem schlaflos umher irrenden Weg habe ich wohl meine kostbare Mitgliedschaft im early bird Club ruhen lassen. Sei es drum. Ich blicke auf meine oft kritisierte simple Futonschlafstelle, deren Roller-Komfort  zwar ganz dicht an einer,  in einem offenen Steinbruch ausgelegten und aus dem verfilzten, struppigen Haar an Altersschwäche gestorbener irischer BSE-Schafe gewalkten Pferdedecke heranreicht, die aber dafür mit dem Charme eines „The Good, The Bad And The Ugly“-Komparsen aufwartet. Immerhin macht diese individuelle Art des Nächtigens Einem zumindest eine deutlich spürbare, und sich täglich erweiternde, detaillierte Auflistung bislang ungekannter menschlicher Knochen und Muskeln des eigenen, im Verfallsprozess befindlichen, Astralleibs dezidiert abrufbar. Ist ja auch was.

 

 

Ich stutze einen Moment. Mein Kopfkissen, eben noch frisch gewandet in einem hochwertig geknöpften späten IKEA-Einteiler aus einer um Sterbehilfe flehenden Kinderarbeits-Kollektion der 2000er Jahre, war zwar seit jeher unübersehbar farbenfroh, jedoch nicht ganz so "69-in-Da-Nang"-psychedelisch, denke ich. Offenbar sind letzte Nacht nochmal Blut, Eiter und vermutlich auch raffiniertes Schweröl, fermentierter Flamingo-Urin  und Bremsflüssigkeit ohne Herstellerfreigabe aus meinem Ohr gelaufen. Wie lecker. Sei es drum. Irgendwie erinnert mich das illustre Farbenspiel an die blutige britische Fahne, die meiner Original John Lennon-Sonnenbrille als Putztuch beigelegen hat.

 

 

Richtig ! Mir fällt siedend heiß ein, dass ja seit heute die Briten nicht mehr in der EU sind. Wie passend. Ich öffne das Fenster, schließe genussvoll die Augen und nehme einen tiefen Zug.  Die in den letzten Jahren, also ziemlich genau seit dem Moment, als mein FedEx Flug hier so abrupt endete und seit welchem ich immer wieder mit verschiedenen Wilsons auseinandersetzen muss, so lieb gewonnene sauerländer Luft durchströmt meine hungrigen Bronchien. Sie füttert meine längst akklimatisierten,  ursprünglich von der jungfräulich reinen Atmosphäre des Weser-Berglands geprägten, Lungenbläschen für einen sämigen Sekundenbruchteil mit den nach einer durchfeierten Nacht hier im Sauerland seit Urzeiten als Atemluftbestandteil üblichen Nanopartikeln aus Alkohol, hochgewürgter Fleischwurst und Marlboro Red, und kann dennoch bei mir nicht das bei meinen Umgebungsmenschen dadurch ausgelöste Gefühl von „Heimat“ erzeugen.

 

 

Ich überlege. Nein. Ich finde nicht, dass es jetzt gerade weniger nach Fish&Chips, Tee und Shortbread riecht als vorher. Auch scheint immer noch der klebrige Film von „Three-Weather-Toughed“ in der herein strömenden Luft zu liegen, der, meiner unqualifizierten  Meinung nach, immer dann in die direkte englische Umgebung und hinüber zum europäischen Festland diffundiert, wenn die hoch geschätzte Queen Elizabeth II, nach ihrer frisurfixierenden alltäglichen Morgentoilette, ihre halbleere Spraydose mittels offener Droschke in die Downing Street bringen lässt, damit der alte Boris sein auf der Fontanelle platziertes naturgegerbtes Opposum-Fell fixieren kann. Jedenfalls ist das meine bislang unbestätigte Theorie.

 

 

Während ich meinen Kopfkissenbezug abziehe um ein weiteres Mal mittels Intensivwaschprogramm die Halt- und Belastbarkeit der, von armen Seelen in Bangladesh zusammengelöteten, und vermutlich aus von chinesischen Zwangsarbeitern geernteten Baumwollresten stammenden Fasern, bestehende Textilie auf die Probe zu stellen, frage ich mich, ob die Briten es schaffen werden, sich vor allem dem ethisch zweifelhaften Konformismus-Bestreben der EU zu entziehen, jenem von der kapitalistischen Marktwirtschaft geprägten unnachgiebigen Drang zur Gleichmachung aller organischen Diversität.  Sie sind nun mal sehr speziell, die Briten, und wurden von der Evolution nicht ohne Grund auf einer abgelegenen Insel zwischen Nordsee und Atlantik angesiedelt. Das vermag auch der viel gepriesene Eurotunnel unter dem stürmisch begrenzenden Ärmelkanal nicht zu ändern, jener unsägliche künstliche Funiculus umbilicalis, dessen Inbetriebnahme  nicht nur zufällig den Beginn der Brexitbestrebung zeitlich trefflich markiert und dessen Bezeichnung seit heute unpassender nicht sein könnte.  Ich könnte mir stattdessen zukünftig vielleicht  “CHT-Express“  vorstellen,  eine neutrale schnittig-pfiffig-moderne AKÜFI-Adaption der Colon-Hydro-Therapie, die mir  hier ganz angebracht scheint.

 

 

Sei es wie es sei. Teile der in den heimischen Medien arg gescholtenen jüngeren englischen Königsfamilie scheinen bereits auf der Ankerkette der Geschichte in die freiheitlich moderne Welt zu klettern wie vorausschauende Ratten dereinst von der Pequod im Hafen von Nantucket. Drücken wir ihnen die Daumen. Vielleicht entsteht auf der geschmähten Insel  ja eine zweite, günstigere, Schweiz oder ein 242.495 km² großer spleeniger Themenpark mit warmem Bier und Pfefferminzsoße.

 

 

Während die Waschmaschine anläuft, stecke ich mir sicherheitshalber ein zusammengedrehtes Taschentuch ins Ohr, hier sieht mich ja keiner. Als ich die Treppe aus dem Waschkeller empor steige, scheint der zweckentfremdete Zellstoff den Briten freundlich wippend zum Abschied zuzuwinken. Ihr packt das schon.